Kirchen oder Kieselstrand?

Als die Freunde um uns herum langsam ihren ersten Nachwuchs bekamen, änderte sich nicht nur ihr Freizeitverhalten, sondern auch die Urlaubsziele. Statt Kambodscha wurde es Kärnten und aus den Outdoorfreaks wurden Cluburlauber mit Rundumversorgung. Wir wunderten uns darüber und lächelten milde, denn wir waren uns sicher, dass wir auch mit Kindern genau die Urlaube machen würden, wie wir sie liebten: spontanes Herumreisen, wenig Komfort, dafür viel Kultur.

Dann kam Luisa auf die Welt. Für den ersten Urlaub mit Kind beschlossen wir, dem grauen Winter zu entfliehen und buchten eine einwöchige Flugreise nach Sizilien. War nicht so weit wie Singapur und hörte sich definitiv cooler an als Schwarzwald. Vor unserem geistigen Auge sahen wir uns – mit Luisa in der Kinderkraxe – durch die antiken Tempelanlagen wandern und auf malerischen Piazzas sitzen und Café trinken. Nach einigen Stunden in einer engen Flugkabine, mit einem plärrenden Kleinkind auf dem Schoß, stieg ich schweißgebadet und entnervt aus dem Flugzeug. Es konnte also nur besser werden. Wenn, ja, wenn Luisa nicht ausgerechnet jetzt beschlossen hätte, am Dreitage-Fieber zu erkranken. Unsere einzigen Ausflüge bestanden darin, getrennt zum Abendessen ins hoteleigene Restaurant zu gehen. So begann unsere Karriere als „Eltern machen Kultur-Urlaub mit Kind“.

Tausche Kultur gegen eine Kugel Eis!

Seitdem sind viele Jahre und viele Urlaube vergangen und die Familie hat sich um Fabian erweitert. Flugreisen haben wir – auch aus finanziellen Gründen – schon lange gestrichen. Kindern ist es schlichtweg egal, ob sie in Florida oder auf Rügen eine Sandburg bauen. Unsere Urlaubsziele richten wir daran aus, dass sie eine möglichst stressfreie Zeit für beide Seiten bedeuten. Denn was nützt es, darauf zu pochen, in der Toscana auf einem abgelegenen Weingut mit hervorragender Küche Urlaub zu machen, wenn sich der Nachwuchs dort zu Tode langweilt und in einen Dauermecker-Modus verfällt. Unser Zauberwort heißt: Kompromisse schließen. Wir suchen die Urlaubsorte so aus, dass für jeden etwas dabei ist. Unsere Kinder lieben Campingplätze, wir Erwachsenen schlafen lieber in richtigen Betten. Also gehen wir auf Campingplätze, auf denen man sich in kleine Ferienhäuser einmieten kann. Und an jedem dritten Tag dürfen wir Eltern bestimmen, was gemacht wird. Meist sind das Ausflüge mit eingebauter Kultur. Auch wenn Sie es nicht glauben wollen: Das geht erstaunlich gut, wenn man den Kids eine Brücke baut, die sie fesselt, auf ein Thema neugierig macht oder ihren Entdeckerdrang anspornt. Wie viele Türme hat die Kirche und welche wilden Dämonen kannst du am Portal erkennen? Was siehst du auf dem Deckengemälde? Was denkst du, wie der Maler das überhaupt geschafft und wie lange es gedauert hat? Zwei Kirchen am Tag sind allerdings das Maximum. Und zwischendurch ist eine Portion Eis keine schlechte Idee.

Kinder zu Entdeckern machen

Bei Burgen und Schlössern lohnt es, sich nach speziellen Kinderführungen zu erkundigen. Oder im Burghof eine kleine Pause einzulegen und zu erzählen, wie hart das Leben auf einer solchen Burg gewesen ist: Keine Heizung und deshalb im Winter immer bitterkalt, kein Strom, also definitiv kein Internet, kein fließendes Wasser und keine Toilette. Spätestens wenn Sie erzählen, wie dieses spezielle Problem gelöst wurde, haben Sie kichernde oder „Igitt!“ schreiende Kinder um sich. Auch gut funktioniert bei uns der Vorschlag, mit dem Handy auf eine kleine Fotosafari zu gehen: Fotografiere die Zugbrücke, den Brunnen, das Wappen usw., denn wenn Kinder selbst etwas entdecken können, ist es für sie gleich viel interessanter. Den einen oder anderen Museumsbesuch haben wir ihnen versüßt, weil sie sich im Anschluss im Museumsshop eine Kleinigkeit als Andenken aussuchen durften. Es geht also darum, Anreize durch kleine Aufgaben zu setzen, Belohnungen in Aussicht zu stellen oder Geschichten zu erzählen, um dadurch Kultur für Kinder greifbar zu machen. Entscheidend ist immer, das richtige Maß zu finden. Einem Kulturausflug dürfen ruhig zwei bis drei Tage am Pool oder Strand folgen. Zudem sollte man seine Kinder nicht unterschätzen: Als wir im letzten Urlaub wegen wirklich großer Hitze mehre Tage hintereinander nur am Wasser verbrachten, fragte Fabian plötzlich mit gerunzelter Stirn: „Wollen wir nicht endlich mal in eine Stadt fahren? Wir wissen doch noch gar nicht, wie die Kirchen hier aussehen!“

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